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Frage des Monats

Stellt eine positive Familienanamnese (Magenkarzinom bei Verwandten 1. Grades) eine Indikation für eine Gastroskopie als Screeningmaßnahme dar?

FAZIT: Die Inzidenz des Magenkarzinoms ist stark rückläufig und mit 8:100.000 vergleichsweise gering. Ist ein erstgradig Verwandter daran erkrankt, so multipliziert sich das individuelle Karzinomrisiko, nach Daten aus Fall-Kontrollstudien um den Faktor 1,5 bis 3,5. Das Lifetime-Risk von etwa 1 % würde sich dadurch auf 3 % erhöhen. Diese Daten sprechen eher gegen ein generelles Screening dieser Patienten. Direkte Evidenz aus Evaluationsstudien liegt zu dieser Fragestellung für Europa nicht vor.

Kein Patientenvorteil durch Gastroskopie-Screening bei positiver Familienanamnese

Evidenzgrad 5                 

theoretische Überlegungen aufgrund epidemiologischer Daten 
  

Überblick

Das Magenkarzinom steht weltweit unter den Krebserkrankungen an 4. Stelle. Deutlich sind jedoch geographische, ethnische und sozioökonomische Unterschiede in der Verteilung (1). In der westlichen Welt sind Inzidenz und Mortalität über die letzten Jahrzehnte stark Rückläufig (2;3). Die Inzidenz beträgt heute nur mehr ein Drittel des Wertes vor 30 Jahren (4). Im Jahr 2007 entsprach die Inzidenz in Österreich und der Schweiz etwa 8:100.000 pro Jahr, wobei Männer doppelt so häufig betroffen waren als Frauen (5).

Mehrere Risikofaktoren, wie Rauchen, Alkohol, bestimmte Ernährungsweisen und Helicobacter-Pylori-Infektion, wurden bisher identifiziert. Dass auch eine familiäre Belastung zu den Risikofaktoren zu zählen ist, wurde aus zahlreichen Fall-Kontroll-Studien abgeleitet (2). Je nach Studie und Land ergaben sich dabei für Personen mit mindestens einem erstgradig Verwandten mit Magenkarzinom ein etwa 1,5- bis 3,5-faches Risiko, selbst an dem Tumor zu erkranken.

Für dieses familiäre Risiko sind großteils genetische Faktoren verantwortlich. Als Sonderform ist das sehr seltene (3 % der Magenkarzinome) hereditäre diffuse Magenkarzinomsyndrom (HDGC) zu erwähnen, welches autosomal dominant vererbt wird und in Erwägung gezogen werden soll, wenn mehrere Familienangehörige an Magenkarzinom erkrankt sind (6). Neben den genetischen Faktoren sind auch nichtgenetischen Faktoren, wie Essgewohnheiten, Rauchverhalten, und vor allem Helicobacter-Infektion zu berücksichtigen, denn auch diese beeinflussbaren Risikofaktoren können sich innerhalb von Familien „weitervererben" (7).

Für Deutschland errechneten Brenner et al. 2007 in einer kleinen Fall-Kontrollstudie, dass sich das Karzinomrisiko von einem dreifachen (Odds Ratio 2,9; 95%CI 1,3-6,5) auf ein achtfaches Risiko (OR 8,2; 95%CI 2,2-30,4) erhöhte, sobald zur Familienanamnese noch ein HP-positiver Befund vorlag (8).

Berechnung des Karzinomrisikos

Bei der Berechnung des individuellen Karzinomrisikos ist als Basis das Ausgangsrisiko zu ermitteln. Geht man für Europa von einem Lifetime-Risk von ca. 1 % aus so würde eine positive Familienanamnese (bei einem relativen Risiko von 3) alleine dieses Risiko etwa auf 3 % heben (2). In Japan etwa, einem Hochrisikogebiet, beträgt das Lifetime-Risk 10%, und damit das Risiko für Personen mit Verwandten mit Ca-Erkrankung 30 %!

Die Sinnhaftigkeit eines Gastroskopie-Screenings lässt sich also für Patienten aus Hochrisikogebieten -etwa Japan, Venezuela oder Chile, wo ein generelles Screening tatsächlich eingeführt wurde- argumentieren (1). Was die Effektivität des Screenings anbetrifft, ist jedoch selbst dort die Studienlage widersprüchlich. Für Europa wäre ein Screeningprogramm weniger sinnvoll, da hier eine geringe Inzidenz, also ein kleines Ausgangsrisiko, vorliegt.

Auch das alleinige Vorliegen einer positiven Familienanamnese, ohne weitere Risikofaktoren, hebt das Risiko nicht in einen Bereich, der ein generelles Gastroskopie-Screening für diese Personengruppe rechtfertigt. Im Gegenteil muss befürchtet werden, dass ein Screening, das ja dann in beispielsweise jährlichen Abständen wiederholt werden müsste, zu einer nicht absehbaren Rate von falsch positiven Befunden, Überdiagnostik, Übertherapie und negativen Folgen der Untersuchung selbst führen würde.

Es liegen in der Fachliteratur keine Studien für Europa vor, die ein Screening von Patienten mit oder ohne Risikofaktoren wie positive Familienanamnese evaluiert hätten.

Reference List

(1)   On On Chan A, Wong BCY. Screening and prevention of gastric cancer. UpToDate online Mai 2010; version 18.2

(2)   Yaghoobi M, Bijarchi R, Narod SA. Family history and the risk of gastric cancer. Br J Cancer 2010 Jan 19;102(2):237-42.

(3)   Levi F, Lucchini F, Gonzalez JR, Fernandez E, Negri E, La VC. Monitoring falls in gastric cancer mortality in Europe. Ann Oncol 2004 Feb;15(2):338-45.

(4)   Statistik Austria 2010; Statistik.at

(5)   National Institute for Cancer Epidemiology and Registration. Switzerland Statistics of Cancer Incidence 1983 - 2007. University of Zurich  April 2010. Nicer Swiss

(6)   Caldas C, Carneiro F, Lynch HT, Yokota J, Wiesner GL, Powell SM, et al. Familial gastric cancer: overview and guidelines for management. J Med Genet 1999 Dec;36(12):873-80.

(7)   NHS. SIGN Guideline 87: Management of oesophagaeal and gastric cancer. SIGN June 2006

(8)   Brenner H, Arndt V, Sturmer T, Stegmaier C, Ziegler H, Dhom G. Individual and joint contribution of family history and Helicobacter pylori infection to the risk of gastric carcinoma. Cancer 2000 Jan 15;88(2):274-9.

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